Der Thron Karls des Großen im Architektursystem der Aachener Pfalzkapelle

Vortrag von Professor Jan Pieper auf unserem Lions-Abend am 17. Juni 2019

Professor Jan Pieper führte uns in die neuesten Erkenntnisse zur Entstehungsgeschichte des bekanntesten Aachener Bauwerks ein.

Tief in die Geheimnisse des Aachener Doms führte uns ein spannender Vortrag des ehemaligen Dekans der Fakultät Architektur der RWTH Aachen, Professor Dr.-Ing. Jan Pieper, der unter anderem den Lehrstuhl für Baugeschichte und Denkmalpflege leitete. Im Café Life gab er unseren Mitgliedern in seinem Vortrag „Der Thron Karls des Großen im Architektursystem der Aachener Pfalzkapelle“ einen Einblick in die jüngsten Forschungsergebnisse zum Dom. Die Professoren Pieper und Bruno Schindler sind in einem Team von Forschern den Rätseln des bekanntesten Aachener Gebäudes ein großes Stück näher gekommen. Wir erfuhren interessante und erstaunliche Fakten – etwa, wie die Pfalzkapelle die Staatsidee und das Selbstverständnis Karls des Großen verbildlicht.

So konnte unter anderem festgestellt werden, dass der Baukörper der Pfalz auch nach heutigen Maßstäben erstaunlich exakt nach den vier Himmelsrichtungen ausgerichtet ist; mit nur geringsten Abweichungen. Oktogon und Sechzehneck sind auf mathematisch berechnete Weise ineinander verschachtelt und das Oktogon als Mittelpunkt des gesamten Reichs ausgelegt.

Alle Maße im Dom sind in nicht im damals üblichen karolingischen Maß berechnet, sondern in antiken römisch-kapitolinischen Fuß geplant und gebaut ( 1 pes Romanus = 0,2957 Fuß). Karl setzte sich damit in eine Reihe mit den weltbeherrschenden Kaisern der Antike. Die lichte Weite des Sechzehnecsk beträgt genau 100 Fuß. Professor Pieper sprach von der „mathematischen Überwölbung eines geometrischen Bauwerks“. 

Das Oktogon war als Mittelpunkt des karolingischen Reiches angelegt.

Besondere Aufmerksamkeit widmete Pieper der Handvermessung des Throns und machte dabei erstaunliche Entdeckungen: die Marmorplatten sind übersät mit antiken Graffiti, eingeritzten Symbolen, Schrift- und Pilgerzeichen. Diese haben alle einen Bezug zu Jerusalem. Die Einzelteile stammen demnach von dort und wurden vorher anderweitig verwendet. Piepers Fazit: Die Stufen zum Thron waren in vorkarolingischer Zeit in Jerusalem Teil begehbarer Verehrungsgegenstände und sind aus dieser Zeit stark abgenutzt.

Die Rückenlehne des Throns war immer schon Rückenlehne, wurde aber vor dem Einbau in den Aachener Thron beschnitten. Dies ist belegt durch Punzungen und Graffitis. Die Rückenlehne stammt nach diesen Forschungsergebnissen von einem antiken römischen Amtssessel. Dahinter steckt tiefere Symbolik für den Thron in der Kaiserpfalz: Ein Todesurteil war im antiken Rom nur gültig, wenn der Richter auf einem solchen Steinstuhl saß, so wie Pontius Pilatus, als er Christus zum Tode verurteilte. Karls Thron war für seine Zeitgenossen ein Sinnbild für seine Herrschaft über Leben und Tod.

Die Unvollkommenheit des Thrones – die nicht perfekt ausgerichteten steinernen Platten, die nicht symmetrische Bauweise, die sichtbaren Spalten – ist beabsichtigt und systematisch erfolgt. Pieper interpretiert dies als Demutsgeste, Zeichen der Unvollkommenheit des Menschen – selbst als Kaiser.
(Siehe auch: https://issuu.com/geymueller/docs/karlsthron_extrakt )

Weiterführende Literatur:
Thron und Altar, Oktogon und Sechzehneck.
Autoren: Pieper/Schindler
www.geymueller.de

Peter Behrens und Marc Heckert

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